Seneca – Epistulae morales

9. September 2010

Seneca – Epistulae morales

1. Welche Funktion hat die Philosophie?

Die Philosophie ist nicht für das Volk bestimmte Kunst, und nicht der Schaustellung geeignet; sie ist nicht in Worten greifbar (erg.), sondern in Sachen. Sie wird auch nicht dazu verwendet, dass der Tag mit irgendeinem Genuss verbraucht wird, dass die Langeweile durch Beschäftigung weggenommen wird. Sie formt und verfertigt den Geist, ordnet das Leben, leitet die Handlungen, zeigt, was man tun und lassen sollte, sitzt am Steuerruder und lenkt durch die Gefahren derer, die den Lauf mit den Wellen dahintreiben. Ohne diese Philosophie (erg.) kann niemand unerschrocken leben, niemand sicher; unzählige Sachen ereignen sich in einzelnen Stunden, die einen Rat einfordern, welcher von dieser Philosophie (erg.) erstrebt werden muss.

Es wird jemand sagen: „Was nützt mir die Philosophie, wenn alles Schicksal ist? Was nützt sie, wenn ein Gott der Steuermann ist? Was nützt sie, wenn der Zufall herrscht? Denn sie können sowohl das Gewisse nicht tauschen als auch nichts entgegengesetztes Unsicheres vorbereitet werden kann, aber entweder kam ein Gott meinem Rat zuvor und beurteilte, was ich gemacht habe, oder das Schicksal ließ durch meinen Rat nichts zu.“

Was auch immer von diesen Dingen (erg.) stimmt, Lucilius, sogar wenn alle diese Dinge (erg.) stimmen: Es muss philosophiert werden. (Es ist zu philosophieren.) Sei es, dass uns das Schicksal (eig. Pl.) durch ein unerbittliches Gesetz fesselt, sei es, dass der Richter, Gott des Universums, uns (erg.) alle ordnet, sei es, dass der Zufall die menschliche Sache ohne Ordnung antreibt und hin und her wirft: Die Philosophie muss uns beschützen. Diese wird ermuntern, sodass wir dem Gott gern gehorchen, sodass wir dem Schicksal trotzig sind (erg.); diese Philosophie (erg.) wird lehren, dass du dem Gott folgst, den Zufall erträgst.

2. Der Mensch

a) Was macht den Mensch zum Menschen?

Alles steht durch sein Gutes fest. Die Fruchtbarkeit macht den Weinstock beliebt und der Geschmack des Weines den Weinstock (erg.), die Schnelligkeit den Hirsch; du fragst, wie stark die Lasttiere mit dem Rücken sind, deren dieser eine Nutzen es ist die Last zu tragen; im Hund ist der Spürsinn der erste, wenn er die wilden Tiere aufspüren muss, der Lauf, wenn er folgen muss, der Wagemut, wenn er beißen und angreifen muss: Dies Beste muss in dem sein, wem es geboren wird, wodurch es geschätzt wird. Was ist das Beste im Menschen? Die Vernunft. Durch diese geht das Geschöpf voran, es folgt den Göttern. Der vollkommene Verstand ist also das eigene Gut, das Übrige ist jenem mit den Tieren hinreichend gemein. Er ist kräftig – auch die Löwen. Er ist schön gestaltet – auch die Pfauen. Er ist schnell – auch die Pferde. Ich sage nicht: In diesen allen Dingen wird er besiegt. Ich frage nicht, was man in ihm für das Größte hält, sondern was das Seine ist. Er hat einen Körper – auch die Bäume. Er hat freiwilligen Antrieb und Bewegung – auch Tiere und Würmer. Er hat eine Stimme – aber eine um wie viel hellere Stimme haben die Hunde, eine wie viel spitzere die Adler, eine wie viel schwerere die Stiere, eine wie viel süßere und beweglichere die Nachtigallen? Was ist im Menschen das Eigene? Die Vernunft. Diese richtige und vollkommene vollendet die Fruchtbarkeit des Menschen. Wenn also jede Sache, sobald sie ihr Gut vollendet hat, lobenswert ist und zum Zweck ihres Wesens gelangt, ist die Vernunft dem Menschen sein Eigen, wenn er diese vollendet hat, ist sie lobenswert und hat den Zweck seines Wesens berührt. Diese vollendete Vernunft wird „moralische Haltung“ (virtus) genannt, und dieselbe ist ehrbar.

b) Gibt es ein alleiniges Gut des Menschen?

Daher ist dies das einzige Gut im Menschen, was allein des Menschen ist; wir fragen nun nämlich nicht, was das Gute ist, sondern was das Gute im Menschen ist. Falls kein anderes Gut (erg.) des Menschen ist, als die Vernunft, wird dies das einzige Gute des Menschen sein – aber es muss mit allen Gütern verglichen werden. Wenn irgendjemand schlecht sein sollte, glaube ich, wird er missbilligt werden; wenn irgendjemand gut sein sollte, glaube ich, wird er für gut befunden werden. Dieses ist also das erste und einzige im Menschen, durch welches er sowohl für gut befunden als auch missbilligt wird. Du zweifelst nicht, ob dies gut ist; du zweifelst, ob dies das einzige Gute ist. Wenn jemand alles andere haben sollte – Gesundheit, Reichtümer, viele Bilder, ein häufig besuchtes Atrium -, aber vorsätzlich schlecht sein sollte, wirst du jenen missbilligen; ebenfalls, wenn jemand gerade nichts derer Güter (erg.), welche ich aufgezählt habe, haben sollte – das Geld sollte abgenommen werden, die Verwirrung der Schützlinge, durch den Adel und durch die Reihe der Großväter und Vorfahren -, aber vorsätzlich sollte es gut sein, du wirst jenen für gut befinden. Also ist dies das einzige Gut des Menschen; hat dieser dieses auch, wenn er von den anderen Dingen (erg.) verlassen wird, muss er gelobt werden; hat dieser dieses nicht, wird er bei der Menge aller anderen Dinge (erg.) verurteilt und weggeworfen.

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Alltagsgeier

4. September 2010

Dreißig Sekunden. Würde die S-Bahn den Haster Bahnhof ohne mich verlassen? Eben hatte ich noch mein Fahrrad abgestellt und dann einen Blick auf die Uhr riskiert. Zeit falsch eingeschätzt. Ich hörte das piepende Warnsignal; die Türen würden sich gleich schließen. Jetzt hieß es alles oder nichts zu geben. Ich sprintete los und kam gerade noch rechtzeitig in den Zug. Dann ließ ich mich auf einen der Sitze nieder und lehnte mich mit geschlossenen Augen zurück.

So beginnt mein Schultag – mein morgendliches Gemüt bekommt einen Schlag in die Magengrube. Eigentlich sind es zwei Schläge. Der zweite ist jedoch ungleich kräftiger. Schuld daran ist seit geraumer Zeit ein Junge. Gegen ihn gäbe es ja nichts einzuwenden, wenn er mich nicht jeden Morgen mit einem zehnminütigen Redeschwall terrorisieren würde. Jeden Montag erzählt er von seinem Lieblingsfilm, jeden Dienstag von seiner Lehrerin in Biologie. Du kommst dir vor wie in einem Karussell, alles um dich herum dreht sich und verschwimmt zu unverständlichen Worten. Dann bekommst du Atemnot und ertrinkst in einem verbalen Ozean.
„Nächster Halt Bad Nenndorf“, sagte eine verzerrte Frauenstimme. „Ausstieg in Fahrtrichtung rechts!“
Ich stieg aus. Schade, dachte ich, die Stille würde jetzt ein Ende haben.
Mein Blick schweifte aufmerksam umher – ich rechnete jeden Augenblick damit den Jungen antraben zu sehen. Tatsächlich, dort war er und ging entschlossenen Schrittes auf mich zu. Rotes Haar, gesenkter Blick, unrasierter Bart. Er hob seinen Kopf leicht an und fasste mich ins Visier. Dann begrüßte er mich, seine Beute: „Morgen…“
Wirkte ich so interessant? Da stiegen noch so viele andere Schüler mit mir aus. Ich verstand es nicht.
„Muss heute mein Sportreferat halten. Über Skifahren“, fing er an.
„Ja.“
„Das macht voll Bock. Aber meine Lehrerin hat so einen Schaden!“ prustete er los und zeigte mir sein Kaugummi.
„Okay.“
„Ja… Wen hast du in Sport?“
„Deine Mutter.“
Ich presste meine Hände auf die Ohren, da sein Gelächter immer mehr an Lautstärke gewann. Er fragte mich, welches Fach ich gleich hätte.
„Kennst du meinen Stundenplan nicht schon auswendig?“ gab ich zur Antwort und starrte demonstrativ geradeaus. Nur noch fünf Minuten bis zum Schulgebäude…
„Hast du gestern ‚Stirb an einem anderen Tag‘ gesehen?“
„Nein.“
Daraufhin berichtete er bis ins kleinste Detail über seine Lieblingsszene. Manchmal legte er eine kleine Pause ein und kicherte. Irgendwann reichte es mir. „So Kumpel, jetzt pass mal gut auf. Du merkst es offenbar nicht, aber ich kann dich nicht ab und will nichts mit dir zu tun haben. Verpiss dich!“

Seine unterschiedlich langen Barthaare flatterten im Wind, als er für zwei Sekunden den Mund öffnete, mir abermals sein Kaugummi zeigte und ihn dann wieder schloss. „HAHAHAHA, der war ja gut!“ brüllte er und schlug sich auf die Schenkel.
„Das war aber ernst gemeint! Mann, entweder bist du noch dümmer als ich dachte, oder du willst mich aus Absicht nerven.“
„Erzähl mir noch einen“, meinte er dazu ganz begeistert.
Wir Menschen sehnen uns alle nach Zuneigung. Ich bin keine Ausnahme. Doch an diesem Morgen wollte ich lieber kein Mensch sein. Ich wollte aus diesem Käfig ausbrechen. Kein Mitleid mehr zeigen. Mitleid führt sonst nur zu eigenem Leid. Größe ist, sich an erster Stelle selbst lieben zu können.

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